Letztes Jahr, im November 2015, fuhren wir einige Tage nach Kreuth aufs Turnier. Zu dem Zeitpunkt war ich noch nicht besonders erfahren im Turniersport, vor allem der Abreiteplatz war (und ist immer noch)  jedes Mal eine Herausforderung.
Dass viele Reiter in ihren Pferden nur Sportgeräte sehen und sie ausnutzen, war uns schon immer klar, doch in diesen Tagen musste ich das leider hautnah erfahren.
Der Albtraum begann auf dem Abreiteplatz – ich würde von mir selbst behaupten, wirklich rücksichtsvoll zu reiten und immer auf andere aufzupassen. Jedem kann ein Fehler passieren, auch ich bin manchmal schon zu knapp zu einem anderen Pferd geritten oder habe jemanden aus Versehen den Weg geschnitten – mit äußerst schlechtem Gewissen und einer ehrlich gemeinten Entschuldigung. Ja, manchmal geht es einfach nicht anders auf den überfüllten Plätzen.
Man muss sich auf die Prüfung vorbereiten, den Parcours durchgehen, auf sein Pferd achten, auf dutzende andere Pferde mit ihren Reitern aufpassen, die sich selten an irgendeine Form von Bahnregeln halten.  Verständigung über Blickkontakt?  Hundert Mal versucht, neunzig Mal fehlgeschlagen.
Niemand sagt, dass in dem Stress alles perfekt laufen muss oder kann.

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Doch was uns – und sicher schon vielen anderen Reitern oder Pferden – widerfahren ist, dürfte nie passieren.
Ich bin Dreamer am längeren Zügel entspannt auf dem 3. Hufschlag im Schritt vor der Prüfung geritten, habe wie immer aufgepasst, nicht über den Haufen geritten zu werden.  Plötzlich sehe ich links von uns ein Pferd nach dem Sprung im schnellen Galopp auf uns zu galoppieren, im Außengalopp. Es war außer Kontrolle und driftete mit der Hinterhand nach außen weg. Die Reiterin zog noch am inneren Zügel und ich versuchte, schnell zu reagieren um weg zu kommen, doch es war längst zu spät. In vollem Tempo rasten die beiden in uns hinein, das Pferd knallte mit dem Hüftknochen auf Dreamers Hüftknochen, es gab ein lautes Geräusch.
Ich hörte noch ein flüchtiges und eher ironisch gemeintes „Ups, sorry“, aber für mich brach in diesem Moment eine Welt zusammen.
Dreamer begann vor Schmerzen zu steigen und bekam Panik, sobald ein anderes Pferd in unsere Nähe kam. Weinend und vollkommen aufgelöst ritten wir aus der Halle, um ihn auf der Straße in Ruhe ansehen zu können. Er zeigte in dem Moment keine offensichtliche Lahmheit.
Deswegen machte ich in der Aufregung den Fehler, den Parcours wenigstens versuchen zu wollen. Es war dumm und ich würde es in so einer Situation nie mehr machen, aber mein Gehirn hat zu dem Zeitpunkt wegen dem ganzen Streß wohl nicht mehr richtig gearbeitet.

In der Halle reiten war unmöglich. Sobald wir drinnen waren ging er  mir panisch durch und wir konnten keine 10 Meter mehr an ein anderes Pferd heran gehen. Er hatte solche Angst, dass ich ihn mit der Gerte fast schon aus der Halle schlagen musste, weil natürlich die wenigsten Rücksicht auf uns genommen haben. Die restliche Zeit gingen wir auf der Straße Schritt.
Wir ritten also in den Parcours, die ersten zwei Sprünge gingen sehr gut, doch danach verweigerte er am nächsten Hindernis drei Mal, wir wurden ausgeschieden.

Erneut brach für mich eine Welt zusammen. Das Pferd, welches noch nie im Leben verweigert hatte, egal wie schlecht ich an einen Sprung reite, egal wie rutschig der Boden ist, was auch immer ich falsch machte, er hatte es immer ausgeglichen. Er wollte immer drüber und war ein mutiger Kämpfer. Keines  der Pferde, die gelegentlich mal stehen bleiben.
Doch nicht an dem Tag … mein Herz brach in dem Moment, als ich realisierte, was da gerade passiert war. Nachdem wir aus dem Parcours geritten waren verlor ich meine Fassung und brach weinend zusammen.
Er musste unglaubliche Schmerzen gehabt haben und hatte dennoch für mich gekämpft. Nach zwei Sprüngen schien es einfach nicht mehr gegangen zu sein …

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Die nächsten Tage waren schwierig für mich, ich weinte fast ununterbrochen. Wir waren noch nie Glückspilze, was Verletzungen betraf, doch das war einfach zu viel für mich. Ich hatte meine Hoffnung fast verloren und konnte es einfach nicht verkraften. Es tat mir auch so unglaublich Leid für Dreamer, dass ich ihm in dieser Situation nicht helfen und beschützen konnte, so wie es meine Aufgabe als Reiter ist. Ich habe ihn in diese Lage gebracht und trage somit in gewisser Weise auch Schuld. Das Turnier war für  uns beendet, wir fuhren eher nach Hause und wenige Tage darauf kam unser Tierarzt.
Diagnose: alles verschoben, stark blockiert, gestaucht und geprellt. Am Hüftknochen war (und ist immer noch) eine kleine Delle im Knochen.
Der Tierarzt konnte anfangs noch nicht mit Sicherheit sagen, ob er wieder reitbar werden würde – und somit begann erneut eine schwierige Zeit für mich.
Nach einigen Wochen jedoch ging es wieder besser, wir holten in kurzen Abständen regelmäßig einen Osteopathen der ihn vorsichtig behandelte und schließlich durfte ich langsam wieder anfangen, ihn aufzubauen und zu arbeiten. Stark taktunrein ging er noch ein halbes Jahr lang, bis es langsam besser wurde.
Doch auch heute bemerkt man an manchen Tagen noch einen Taktfehler, der vermutlich niemals komplett verschwinden wird.

Was ich damit sagen will: Fehler können passieren. Doch es sollte nie zu viel verlangt sein, sich ehrlich für einen eigenen Fehler zu entschuldigen. Vielleicht hätte mir eine einfache Entschuldigung dabei geholfen, besser damit abzuschließen, denn ich denke heute noch oft daran.
Außerdem ist es wichtig, auf andere Acht zu geben – auch wenn es in solchen Situationen nicht einfach ist. Das „nach unten auf den Hals des Pferdes schauen“ ist bekanntlich eine Reiterkrankheit, die auch mich häufig plagt. Aber in einer meistens eher kleinen Halle mit teils über 30 Pferden geht das nun mal nicht dauerhaft, man sollte daran denken, dass auch andere Reiter mit ihren geliebten Pferden dort unterwegs sind. Manche haben vielleicht nicht den engen Bezug zu ihren Tieren, gerade im Sport ist das immer ein schwieriges Thema. Sicher haben auch viele Reiter (oder ihre Eltern) genug Geld, bei einer Beschädigung mal eben ein neues Pferd zu kaufen.
Aber nicht jeder hat das und (wie ich hoffe) hat auch ein Großteil der Sportler eine Beziehung zu ihren Pferden. Das sollte man respektieren und versuchen, nicht zu zerstören.