Turniersport – Schreiende Eltern, motivierte Kinder

Teresa Sarnow, Turnierreiterin mit normalen Eltern

02 Juli 2017

Motivation ist alles, nicht wahr? Sowohl der Reiter sollte in der Lage sein, sein Pferd zu motivieren, genauso wie er sich selbst aber mit den richtigen Menschen umgibt.
Schreiende Trainer und ständig blöde Sprüche, die einen runter ziehen, braucht wirklich niemand. Denn ich kenne nur zu viele Reiter, die genug an sich zweifeln – wie auch ich.
Viele denken immer, ich wäre wahnsinnig selbstbewusst und denke, ich bin die allerbeste. Nein, das Gegenteil ist der Fall! Ich lasse mich unglaublich schnell runterziehen, wenn blöde Kommentare anderer Leute kommen. Denn die Stimme in mir zweifelt mich selbst schon täglich an und redet mir ein, wie schlecht ich alles mache.
Ein Grund, weshalb ich wohl nicht die geborene Bloggerin und YouTuberin bin – mir geht alles viel zu nah und ich lasse mich von negativen Kommentaren stark runterziehen.

Wie komme ich auf das Thema? Ausschlaggebend ist ein Moment in Kreuth vor zwei Wochen am Turnier, den ich euch nun Mal beschreiben möchte.
Am Abend, als die Prüfungen bereits fertig waren, ritten vereinzelt noch Reiter auf den Abreiteplätzen um ihre Pferde zu lockern oder zu trainieren. Gemeinsam mit mir auf dem Platz war eine junge Reiterin, ich schätze sie etwas jünger als mich, auf einem tollen Pferd und ihrem Vater – als Trainer.
Kinder und ihre Eltern als Trainer ist meist nichts Gutes, zumindest habe ich es bisher noch nie als positiv wahrgenommen. Die beiden sind also gesprungen und es sah wirklich klasse aus, bis auf kleinere Fehler. Fehler, welche jedem passieren können und wirklich nicht tragisch sind. Der Vater aber hat nur rumgeschrien, fast schon gebrüllt, wie scheiße die Tochter reitet (wörtlich), dass es so ja niemals was wird, dass alles falsch ist.
Nicht nur ein oder zwei Mal, sondern knapp eine halbe Stunde durchgehend ging es so! Die Tochter meinte nach einer Weile dann, dass sie jetzt lieber noch einmal Rhythmus trainieren würde, da ihr Pferd sonst unsicher wird.
Respekt, denn nicht besonders viele Menschen achten darauf, was das Pferd benötigt. Als ich das gehört habe, war ich positiv überrascht. Doch der Vater schimpft nur weiter was das denn für ein Schwachsinn sei und dass das Pferd schon nicht unsicher werden würde.
Genau so zerstört man das Gefühl eines Reiters, bis man irgendwann nur noch sein eigenes Ding durchzieht und das Pferd mitzumachen hat…

Gegen den Vater habe ich nach und nach eine richtige Wut entwickelt und ihm nur zu gern meine Meinung gesagt. Denn die Reiterin hat mir unglaublich Leid getan. In dieser „Springstunde“ gab es keinen Moment der Freude, kein einziges Lob des Vaters, nicht einmal einen Satz, den er normal gesagt hat. Alles was man sah und fühlte, was Stress und Frustration. Am liebsten hätte ich dem Vater das gesagt, doch geändert hätte es wohl wenig.

Auf Turnieren erlebe ich öfter solche Situationen, in denen entweder die Eltern sich als Trainer aufspielen und alles nieder machen, oder die Trainier selbst aber auch nur rumbrüllen. Wieso? In erster Linie beobachte ich das bei E und A Springen und fühle mich manchmal, als wären wir auf einem Abreiteplatz für Aachen. Da wird rumgebrüllt, Stress verbreitet, Pferd geschlagen … und mittendrin wir, am langen Zügel, abschnaubend und zum Glück mit einer Mutter, die selbst nicht springt und sich nicht als Trainerin bzw. Diktatorin aufspielt. Denn mit solchen Eltern hätte ich den Turniersport schon längst aufgegeben (auch wenn diejenigen oft wohl keine Wahl haben). Wo bleibt da die Freude? Wo findet man Motivation? Gerade Eltern und Trainer sollten einen doch unterstützen, und nicht vor einer Prüfung, also in einem Moment, vor dem viele Angst haben, noch anschreien und sagen, wie scheiße das Kind reitet.

Es ist schön, wenn Eltern den Sport unterstützen. In den seltensten Fällen könnte man sonst als Kind schon reiten oder gar Turniere gehen (in meinem Fall eher als Jugendliche damals). Doch überehrgeizige Eltern verlangen ihren Kindern meist zu viel ab und rennen den Träumen hinterher, die sie in ihrem Leben nie selbst erreichen konnten. Nur sollten sie sich fragen, was ihre Kinder eigentlich wollen und ob man nicht manchmal die eigenen Bedürfnisse zurückstecken sollte, um ein Kind einfach nur Kind sein zu lassen.
Ganz ehrlich… was haben die meisten von uns schon zu verlieren? Was ist schlimm daran, in einem E Springen auszuscheiden oder eine Stange zu werfen? Die Qualifikation für Olympia wird es wohl kaum beeinträchtigen. Kinder (und damit meine ich auch Jugendliche, also im Sinne der Eltern „Kinder“) sollten Fehler machen dürfen und sich, die Pferde und ihre Grenzen austesten können. Scheitern gehört zum Erfolg dazu! Meiner Meinung nach ist das unablässlich, um ein Gefühl für Pferde zu entwickeln und dies im Turniersport auch beizubehalten. Das Gefühl für ein Pferd wäre wohl das einzige, was ich meinem Kind beizubringen versuchen würde. Nicht Turniererfolge, sondern erst den richtigen Umgang mit Pferden zu erlernen und vorallem fair zu reiten, reell zu reiten.  Der Erfolg kommt mit der Zeit dann von alleine.

Man sollte sich also als Tochter oder Sohn von jemandem nicht runterziehen lassen, sondern sein eigenes Ding machen. Meist wohl leichter gesagt, als getan. Denn wenn ich die vielen schreienden Eltern an der Bande beobachte, wüsste ich nicht, ob ich mich gegen diese behaupten könnte.
Ein schwieriges Thema, doch leider sehe ich es wirklich auf jedem Turnier mehrmals… und daher ist es für mich gleichzeitig ein wichtiges Thema, welches angesprochen werden sollte. Denn im Turniersport reitet man schon ohne überehrgeizige, schimpfende Eltern unter großem Druck und macht sich wohl genauso selbst fertig (manche auch das Pferd, aber wird ihnen ja nicht anders gelehrt…) bei einem Fehler oder einer Niederlage.

Ich persönlich kann von mir also nur sagen, wie dankbar ich meinen Eltern bin. Sie unterstützen mich wirklich immer, bauen mich auf und setzen mich nie unter Druck. Genau so haben sie mir aber auch gelernt, richtig mit den Pferden umzugehen, sie fair zu behandeln und den Fehler immer erst bei sich selbst zu suchen.  In dem halben Jahr, als Dreamer nach dem Unfall am Abreiteplatz wirklich jedes Mal verweiegrt hat und wir nie durch den Parcours gekommen sind, wurde ich nie geschimpft oder habe Vorwürfe zu hören bekommen. Es war schon schlimm genug für mich selbst, dass es nicht lief, Druck von außen braucht man also noch weniger. Sie haben mich unterstützt darin, dass ich auf Dreamer und mein Gefühl hören soll. Während andere gesagt hätten, ich soll ihn durch den Parcours prügeln (was zu 100% das Falsche gewesen wäre bei seiner Angst), wurde ich von meinen Eltern darin bestärkt, lieber nach einem guten Sprung aufzuhören. Und wenn es der erste Sprung war.

Auf der anderen Seite darf man auch nicht unerwähnt lassen, wie schrecklich viele Kinder heutzutage mit ihren Eltern umgehen und den Luxus des Turnierreitens als zu selbstverständlich ansehen, ohne Dank zu empfinden. Das würde in dem Beitrag aber den Rahmen sprengen…

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