Meine zweite Turniersaison steht mir in diesem Jahr bevor, ich habe schon viel gesehen und erlebt. Gutes wie auch Schlechtes. Immer öfter stelle ich mir die Frage, ob man den Turniersport überhaupt mit pferdegerechter Ausbildung und reellem Reiten verbinden kann?

Wenn ich diese Frage von Grund auf ehrlich beantworten muss: Nein, kann man nicht.
So schade ich es auch finde kann man – je nach individueller Definition von „pferdegerecht“ – niemals vollkommen pferdegerecht erfolgreich sein.
Was bedeutet dieses Wort eigentlich? Für die einen zählen sogar noch grobe Ausbilder mit fragwürdigen Methoden dazu, während die anderen sich vom Reiten komplett distanzieren und nur vom Boden aus mit ihren Pferden arbeiten.
Die Wahrheit ist nicht immer schön, und so müssen viele von uns sich eingestehen, dass es wohl tatsächlich das beste für ein Pferd wäre, wenn wir es lediglich vom Boden aus ordentlich arbeiten und durch gymnastizierende Arbeit gesund erhalten.
Diese Tiere wurden nicht dazu geschaffen, uns in der Gegend herum zu tragen. Das soll nicht heißen, dass es den Pferden keinen Spaß machen kann oder es zwingend schädlich ist, aber eigentlich ist das nicht der Sinn von den Pferden.

In einer Dokumentation habe ich einmal von einer Studie gehört, welche die Wirkung von Sätteln untersucht hat. Das Ergebnis ist erschreckend (auch wenn ich hier natürlich keine 100% Garantie für die Echtheit geben kann): Bereits innerhalb der ersten 15 Minuten nach dem der Sattel festgegurtet und mit Reiter auf dem Pferderücken aufliegt beginnt das Pferd, ein Unwohlsein bezüglich seines Rückens wahrzunehmen. Daraufhin dauert es nicht mehr lange, bis in der Lage das Gefühl ähnlich eines eingeschlafenen Armes oder Beines beginnt, welches jeder von uns kennt. Nach nur etwa 20 Minuten, was für viele Pferde gerade mal ein Drittel des gesamten Trainings bedeutet.
Ob man das nun (vollkommen) glaubt oder nicht – zu wissen, dass ein Sattel kein Wohnbefinden auslöst, dürfte jeden Reiter zum Nachdenken anregen. Aber was soll man machen, schließlich braucht man beim normalen Reiten wie auch natürlich im Turniersport einen Sattel…

Zurück zu meiner Frage bezüglich des pferdegerechten Turniersportes – mit diesem Wissen muss einem klar werden, dass es schlichtweg nicht möglich ist. Doch auch das normale Reiten ist so kaum machbar. Genau genommen bezieht sich das oben genannte alles vorerst nur auf den allgemeinen Reitsport, egal in welcher Disziplin. Schließlich kommen beim sportlich orientierten Reitsport noch viele Faktoren hinzu.

Schon allein der Streß, jedes Wochenende in den Hänger steigen zu müssen und oft lange Wege hinter sich zu legen: Vielen Pferden macht eine Hängerfahrt nichts (mehr) aus. Aber wie oft mussten sie schon durch großen Streß durch, bis sie sich an die Fahrten gewöhnt haben?
Man sieht es doch oft genug, genau so bei uns (früher). Dreamer wollte einfach nicht in den Hänger einsteigen, sobald er gemerkt hat, dass wir wirklich weg fahren. Und damit sind wir kein Einzelfall. Jedes Turnierwochenende begegnen uns Leute, welche ihre Pferde teils stundenlang nicht verladen können. Man sieht steigende, tretende, sich losreißende Pferde. Wie gesagt – ich kann das niemandem vorwerfen, weil es bei uns nicht anders war. Dennoch sollte uns bewusst sein, was wir den Pferden eigentlich antun.

Pferd Reiten Reitsport

Auf längeren Turnieren, wie beispielsweise in Kreuth, stehen meine Pferde fast eine Woche lang in einer Box. Für die wenigsten mag sich das schlimm anhören, aber meine Jungs sind Offenstallpferde und gerade Dreamer fühlt sich in Boxen absolut nicht mehr wohl und bekommt darin dauerhaft schlechte Laune, beginnt manchmal sogar daraufhin zu beißen! Pferdegerecht? Wohl kaum. Jeden Morgen und Abend je drei Stunden lang fahren wäre jedoch auch nicht besser.

Der Erfolgsdruck presst uns in bestimmte Formen und ich kenne nicht viele, welche dem wiederstehen konnten. Man sieht, wie andere Pferde geritten werden und „muss“ mithalten können.
Wie oft befand ich mich auf dem Abreiteplatz schon in der Situation, dass alle anderen Pferde in ihrer perfekt gepressten Haltung liefen und nur Dreamer einfach noch Probleme in der Anlehnung hat und ich es jedes Mal wieder langsam über die Dehnungshaltung erarbeiten musste? Ich könnte ihm einige Zeit lang den Kopf runter riegeln und nach einer Weile wäre „Anlehnung“ kein Problem mehr. Doch genau dagegen muss man ankämpfen und sich nicht mit runter ziehen lassen von den anderen, nur weil sie jemanden  belächeln oder als Anfänger ansehen.

Glaubt ihr, dass jedes Turnierpferd gerne springt? Wenn man das mal wirklich ehrlich betrachtet? Springt euer Pferd gerne?
Wenn ich nun von meinen Pferden ausgehe kann ich sagen: Dreamer springt von Grund auf sehr gerne, aber nicht immer. Und dann lasse ich ihn auch, das ist der Unterschied zum Bild welches man sonst so oft auf den Turnierplätzen zu sehen bekommt. Mein Pferd darf verweigern, aber wie viele können das schon von sich sagen?
Darf euer Pferd denn verweigern, wenn es einen schlechten Tag hat, oder wenn ihr merkt, dass er unsicher ist oder Angst bekommt? Oder bekommt es mit der Peitsche ein paar Schläge und in den Bauch gequetschte Sporen, woraufhin es schon drüber springt und wieder „alles in Ordnung“ ist?
Letzteres sieht man einfach viel zu häufig und in dem Fall muss ich sagen, spreche ich nicht mehr von pferdefreundlicher Ausbildung.
Ist es gut für die Gesundheit des Pferdes, über 1,50 m Sprünge zu hüpfen? Wohl eher nicht, es geht auf die Gelenke und bedenkt man dann noch wie einige Pferde zwangsweise in Zeitspringen dieser hohen Klassen rumgehetzt werden kann das nicht gesundheitsfördernd sein.
Und trotz allem ist es mein Traum, irgendwann in vielen Jahren auch mal dort oben anzukommen. Wie es sich mit meinem Gewissen vereinbaren lässt, weiß ich nicht. Ich kann nicht sagen, ob ich es (sollte es mal so weit sein) wirklich durchziehe. Ich möchte meine Liebe und die Bindung zu den Pferden nicht verlieren, jedoch weiß ich nicht ob man es ab einem gewissen Grad noch halten kann.
Worin ich mir jedoch sicher bin ist, dass man zwischen den Sprüngen reell – ohne Zwang, scharfe Gebisse und grobe Hilfen – reiten kann. Darauf bauen meine Hoffnungen zurzeit auf und ich hoffe, irgendwann einen sinnvollen und für mich guten Weg in den höheren Sport finden zu können.

6-1

Mein nun doch etwas längerer Text wirkt vermutlich sehr negativ. Wer mich auf meinem Blog oder Instagram schon ein wenig kennt, weiß, dass ich selbst Turniere reite und mich in all diesen Sachen somit automatisch auch selbst verurteile und es nicht nur den anderen Reitern zuschiebe. Ich mache vieles auch nicht besser. Meine Pferde haben nicht immer Spaß.
Aber ich achte in der Ausbildung stark darauf, dass meine Pferde fein und reell geritten werden können. Ich verzichte auf (meiner Meinung nach unnötige und häufig grobe) Hilfsmittel oder Methoden. Und es gibt genug Pferde, welchen sowohl das normale Reiten als auch der Turniersport großen Spaß macht.
Ich finde nur, man sollte sich ab und an ins Gedächtnis rufen, was wir von unseren Pferden verlangen und dass wir es häufig als zu selbstverständlich ansehen.