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„Wie der Besitzer, so das Pferd“ – wer kennt diesen Spruch nicht? Pferde halten uns einen Spiegel vor und lassen sich nichts vormachen. Sie spüren Angst, Wut, schlechte Laune und Freude. Sie spüren auch Hektik, Gelassenheit, Druck und Leichtigkeit. In dem Wissen, dass Pferde all unsere Emotionen lesen und fühlen können, sollte man sich auch bewusst werden, dass man als Pferdebesitzer und Reiter in den meisten Fällen eine Persönlichkeitsentwicklung durchleben muss, um ein „Pferdemensch“zu werden. Wir entwickeln uns ständig weiter, ein Leben lang – und genauso tun wir dies auch mit den Pferden.

Ich selbst war schon immer ein ruhiger Mensch, bereits als Kind. So habe ich noch ein Ereignis gut im Kopf: als ich damals auf Pferdesuche ein Springpferd im Parcours testen durfte, wunderte sich der Verkäufer, dass das Pferd so ruhig ist. Normalerweise zog er wohl deutlich mehr auf die Sprünge zu und man hätte eher Probleme, ihn zurückzuhalten  – unter mir war er allerdings sehr ruhig, fast schon „zu“ ruhig. Der Verkäufer meinte danach zu mir, dass ich wohl so eine Ruhe ausstrahle, dass das Pferd das übernommen hat.

Natürlich bekomme ich in meinem Alltag als Reitlehrerin und Pferdetrainerin viele ähnliche Situationen mit. Pferde, welche bei den Besitzern aufgeregt sind, werden bei mir ruhiger. Auch die Art und Weise der Kommunikation beeinflusst die Reaktionen und Handlungen der Pferde.
Ich bin konsequent, fair, klar und entschlossen – und so kommen viele Probleme gar nicht erst auf. Um immer entschlossen aufzutreten, braucht es aber meiner Meinung nach auch die nötige Erfahrung – wenn jemand sich noch nicht sicher ist, wie eine Übung beispielsweise ausgeführt werden soll, wird man häufig auch nicht besonders entschlossen dabei auftreten.
„In der Ruhe liegt die Kraft“ ist ein passendes Zitat. Wer selbstbewusst und entschlossen ist, muss nicht hektisch sein. Eile ist in Ordnung, Hektik aber kontraproduktiv. Wer hektisch handelt, ist oftmals einfach auch noch etwas unsicher. Pferde vertrauen demjenigen, der ruhig, entschlossen, fair und beständig handelt.

Vor allem Beständigkeit ist ein sehr wichtiger Aspekt – das Pferd muss wissen, was es darf und was nicht. Wird es heute für das Angrabbeln des Menschen belohnt, weil das ja „soooo süß“ ist und bekommt ein Leckerlie dafür, so darf man es nicht am nächsten Tag für das gleiche Verhalten bestrafen.
Nur durch beständige Handlungen und Reaktionen wissen Pferde, woran sie sind, und bauen entsprechend Vertrauen auf. Nun könnte man meinen, dass Beständigkeit nichts schwieriges wäre – fragt man aber einige Pferdebesitzer, sieht das ganz anders aus. Häufig muss man erst lernen, in seinem Verhalten nicht abzuweichen. 

In meiner Jugend, etwa im Alter von 15-16, war ich nicht immer besonders fair zu meinen Pferden – ich war und bin hochsensibel und hatte damals keine besonders gute Impulskontrolle.
Als Impulskontrolle bezeichnet man die Kontrolle vom Emotionen und Affekten, die Impulskontrolle ist ein Teil der Selbstkontrolle.
Zwar habe ich natürlich meinen Pferden nie wirklich weh getan oder ähnliches, doch ich habe häufiger überzogen oder auch einfach unfair gehandelt, was ich im Nachhinein immer bereut habe.
Und sei es nur, eine Übung noch zehnmal wiederholt zu haben, weil es einfach nicht so funktioniert hat. Was es übrigens nie wirklich besser macht, denn je öfter man etwas  wieder und wieder versucht, desto schlechter wird es meistens nur…
In meinem reiterlichen Werdegang habe ich bisher eine große Persönlichkeitsentwicklung durchgemacht – denn irgendwann war klar, dass es so nicht weitergeht und ich an mir arbeiten muss. Und ich habe an mir gearbeitet – beispielsweise erstmal durchgeatmet, bevor ich gehandelt habe. Anstatt eine Übung ständig zu wiederholen erstmal zwei Runden am langen Zügel gehen lassen, Pause machen und sehen ob es danach besser klappt oder man eine andere Übung machen sollte, um noch einen positiven Abschluss zu finden.
Ich kann euch sagen, dass es kein besonders leichter Weg war!
Aber ich habe es geschafft und mich in dieser Hinsicht komplett gewandelt, worüber ich sehr froh bin.
Ein Großteil der Reiter hat schon Mal unfair gehandelt – sowas passiert, auch wenn es nicht passieren dürfte. Pferde vergeben, sie spüren wenn man an sich arbeitet. Für Pferde zählt nicht die Vergangenheit, sie leben im Hier und Jetzt.

Was mir die vielen Pferde mit denen ich in meinem Leben schon arbeiten durfte auch gelehrt haben, ist Selbstsicherheit. Je mehr Situationen man durchlebt hat, umso sicherer kann man auch mit Neuen souverän umgehen.
Da ich hochsensibel bin, spüre ich nicht nur meine eigenen Emotionen extrem stark und überwältigend, sondern nehme auch die Emotionen anderer Menschen und Tiere wahr. Das kann ein Segen und gleichzeitig ein Fluch sein…
Stell Dir vor, Du arbeitest mit einem Pferd, welches große Angst vor Kühen hat. Nun musst Du Sicherheit vermitteln und selbst cool bleiben – spürst aber die Angst des Pferdes, welche sich schlagartig auf Dich überträgt. Hast DU nun Angst, oder das Pferd? Wie unterscheidet man die Emotionen, wenn sich die Angst des Pferdes wie die eigene anfühlt?
Klingt kompliziert? War es zu Beginn auch. Ich für meinen Teil habe vor einigen Jahren gelernt, meine Energie und meine Gefühle zu erkennen und zu steuern. Emotionen umwandeln und ausschalten, so dass ich nicht mehr in solche Situationen komme. Denn für das Pferd macht es keinen Unterschied, welche Angst ich spüre – ich vermittle ansonsten ja ihm wiederum Angst.
Ich habe gelernt, damit umzugehen und es für mich zu nutzen.

Spüre ich, was in einem Pferd vorgeht, kann ich mit dem Wissen darüber an den Problemen arbeiten. Es beeinflusst meine Arbeit mittlerweile also nicht mehr, höchstens zum Positiven. Doch das war ein großer Aspekt für mich, welchen ich erstmal erkennen musste. Und lernen musste, damit umzugehen.

Nun gibt es auch bei den Reitern und Pferdebesitzern verschiedene Typen – ruhig, hektisch, unruhig, ungeduldig, entspannt. Wenn die Besitzer mir das gleiche „Gefühl“ vermitteln, wie sie es auch beim Pferd tun, erklären sich so manche Probleme von alleine.
Es gibt Menschen, welche mich (als ruhigen Menschen) in gewissen Situationen total aus der Ruhe bringen und Hektik oder Unruhe vermitteln, das geht manchmal so weit, dass ich selbst richtigen Stress davon bekommen kann. Und man kann stark davon ausgehen dass das Pferd diesen Zustand mindestens so fühlt, wie ich es tue. Und dementsprechend sein Verhalten je nach Temperament anpassen kann – sprich, beispielsweise ebenfalls unruhig wird.

Kannst Du dich noch daran erinnern, wie leicht Du dich als Kind gefühlt hast? Keine Sorgen, keine Probleme – einfach leben, spielen, lachen. Von Tag zu Tag im Hier und Jetzt leben.
Und heute? Schule, Arbeit, Noten, Druck, Finanzen, Rechnungen, Stress – ein voller Kopf und häufig schwere Herzen.
Leichtigkeit und Unbeschwertheit ist meiner Meinung nach wichtig im Umgang mit Pferden – besonders als ich mit der Freiarbeit begonnen habe, wurde mir das auch von den Pferden gezeigt.
Dreamer ist ein Turnierpferd – richtig?
Falsch. Er ist ein Pferd. In meinem Kopf sollte er kein „Sportpferd“, „Turnierpferd“, „Springpferd“ sein, sondern einfach nur ein Pferd.
Immerhin möchte ein Kind wohl auch nicht nur anhand seiner Leistungen oder Misserfolge bewertet werden, sondern als Lebewesen.
Gedanken können Druck machen – nicht nur uns, sondern auch unseren Pferden. Wenn ich mit negativen Bildern zu meinem Pferd gehe, wird es keine große Freude mit mir haben. Ich musste also lernen, mich von Negativität zu verabschieden. Keine Erwartungen an meine Pferde zu haben, sondern einfach Zeit mit ihnen zu verbringen. Nicht an die Uhrzeit, den Job oder das verpatzte Turnier denken, sondern das Herz leicht und unbeschwert werden lassen. Sich an die Freude zurückerinnern, welche man als Kind gefühlt hat.
Ich denke, erst als ich das gelernt habe, haben sich meine Pferde mir wirklich geöffnet.

 

Es ist erstaunlich, wie sehr wir uns in unserer Persönlichkeit durch Pferde weiterentwickeln können. Als Trainerin ist es nicht nur meine Aufgabe, Pferde zu trainieren, oder ein Team aus Pferd und Mensch zu machen, sondern ich arbeite auch mit Menschen.
Ich versuche, hektische und ungeduldige Menschen im Inneren ruhiger zu machen und unsichere Menschen mehr Selbstvertrauen zu geben. Je stärker, konsequenter, ruhiger oder energischer ein Mensch wird, umso besser wird letztendlich auch das Pferd mit ihm zusammenarbeiten können.
Innere Stärke kann so vieles bedeuten – nicht die Kontrolle über sich und seine Emotionen zu verlieren. Geduldig zu sein. Geduldiger zu sein als beim letzten Mal.
„Stärke nutzt Schwäche nie aus“

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