Erst am Tag der Reitabzeichenprüfung hat jemand meiner Mutter wieder gesagt, Dreamer sei ein sehr schwieriges Pferd und er hätte viel zu wenig Potenzial für mich und meine Ambitionen.
Sind wir doch mal ehrlich – meine Ziele sind riesengroß und unfassbar hoch gesteckt, wahrscheinlich sind meine Träume auch unrealistisch. Ich greife nach den Sternen und glaube, dass wir das immer mehr verlernen. Wieso sollte man nicht träumen und vielleicht unmögliche Ziele anstreben? Wahrscheinlich aus Angst, zu versagen und als verrückt dargestellt zu werden (was durchaus passieren kann, ich spreche aus Erfahrung).

Wir Reiter neigen oft dazu, die Stärken und Schwächen unserer Pferde nicht absolut ehrlich zu betrachten und somit zu hohe Erwartungen zu haben – was wiederum zu Frustration führt. Sobald wir eine Erwartung an unser Pferd haben und das „perfekte“ Idealbild im Kopf haben, kommen wir immer mit einem negativen Bild zu unserem Pferd. Wollen wir, dass unser Pferd S springt, es aber einfach nicht das Potenzial dafür hat, zeigen wir ihm immer, dass es nicht genug ist. Genauso wenn wir eigentlich gerne ein piaffierendes und passagierendes Pferd hätten, es aber noch lange nicht so weit in der Ausbildung ist oder vielleicht diese Lektionen noch nicht erlernt werden können.
Was möchte ich erreichen und wie möchte ich es erreichen – zwei äußerst wichtige Fragen.

Reiten Reitsport Pferd

Vergleicht man Dreamer und Bulgari beim Springen, wird klar, dass Bulgari es leichter hat als Dreamer. Es fällt ihm nicht besonders schwer, während Dreamer ein 1,20 m Sprung schon mehr abverlangt als dem kleinen Bulgari und er sich mehr anstrengen muss.
Was erhoffe ich mir also von den beiden Pferden?
Dreamer mag vielleicht kein Pferd für S*** Springprüfungen sein, aber wer bin ich, das jetzt schon zu beurteilen?
Dieses Pferd ist ein großer Kämpfer, mit Mut und Ehrgeiz, so wie ich. Was ihm an Vermögen fehlt, gleicht er durch seinen Willen aus. Deswegen sollte man sich über ihn nicht im Training eine Meinung bilden, wenn man ihn noch nie am Turnier gesehen hat. In den unterschiedlichen Situationen könnte man meinen, es wären zwei verschiedene Pferde – so fühle ich mich auch jedes Mal. Im Training gibt er sich eher wenig Mühe und ist unmotivierter – macht den Eindruck, dass das Potenzial gerade mal für einen Meter reicht. Auf dem Turnier hingegen fliegt er mit Leichtigkeit über die Sprünge, egal wie schlecht ich hinkomme .An einem guten Tag würde ich dort wahrscheinlich sogar einen M Parcours mit ihm springen, weil ich ganz genau weiß, dass es kein Problem wäre – mal abgesehen davon, dass in dem Fall ich mit meinem bisher schlechten Auge was das Anreiten betrifft das einzige Problem wäre.
Meine Hoffnungen in Dreamer sind riesig, meine Erwartungen dagegen halte ich so klein wie möglich. Hoffnung ist gut, Erwartungen hingegen schaffen oftmals Frustration und negative Bilder im Kopf. Wie gehen wir beispielsweise als Schüler schließlich damit um, wenn die Eltern nur 1er erwarten und von allen Seiten Druck gemacht wird?

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Im Vergleich zu Dreamer hat Bulgari dagegen mehr Potenzial und Leichtigkeit über dem Sprung – es fühlt sich einfach an mit ihm und ohne Frage hat er Potenzial bis zur höchsten Klasse.
Ob er jedoch den Charakter dafür hat? Den Ehrgeiz, niemals eine Stange schmeißen zu wollen und immer zu kämpfen?
Das lässt sich bei ihm noch nicht sagen. Im Moment habe ich das Gefühl, dass der Kleine sich gut entwickeln wird. Er macht nur das Nötigste und springt immer recht knapp, aber das muss doch nichts schlechtes bedeuten – schließlich ist er mit seinen 4 Jahren sowohl körperlich als auch psychisch noch ein Baby und wird sich noch verändern. Worin ich mir sicher bin: Werden wir ein Team, wird er für mich kämpfen. Was ihm jetzt noch an Ehrgeiz fehlt, könnte also durch unsere wachsende Beziehung aufgebaut werden.

Häufig sieht man auf Turnieren Reiter, welche ihre Pferde ohne Gnade unter allen Umständen durch den Parcours jagen. Hilfsmittel wie Sporen, Sperriemen, Riegeln und in höheren Klassen scharfe Gebisse erleichtern es nur, sich ein Pferd gefügig zu machen und es in jedem Fall durch die Ziellinie zu bringen. Doch zu welchem Preis?
Dreamer ist seit unserem Unfall (zum Beitrag darüber kommt ihr durch diesen Link: https://teresa-sarnow.de/unfall-auf-dem-abreiteplatz/ ) oft ein schwieriges Pferd beim Springen, das stimmt absolut. Aber wer wäre ich, mein traumatisiertes Pferd mit Sporen und Gerte zum Springen zu zwingen? Weder ein Freizeitreiter noch eine Isabell Werth kann sich sowas erlauben – egal ob es sich um ein „günstiges Freizeitpony“ oder ein Millionen teures Sportpferd handelt.

Würde ich mit Sporen und Gerte grob reiten, kämen wir problemlos durch jede Prüfung. Aber will ich das wirklich? Ist es denn seine Schuld, was damals passiert ist? Freude hätte er dann sicher keine mehr am Springen und dass er mit der Zeit noch für mich kämpfen würde, bezweifle ich ebenfalls. So, wie es letzte Saison lief (zumindest gegen Ende) war ich sehr zufrieden. Zwar war es jedesmal ein Risiko, aufs Turnier zu fahren, weil wir wirklich nie wussten ob er heute einen guten Tag hatte oder nicht. Die Chance, gar nicht erst durchs Ziel zu kommen, war immer sehr hoch. An einem schlechten Tag hatten wir definitiv beide wenig Spaß am Springen, aber an einem guten Tag habe ich immer gemerkt dass er wirklich über das Hindernis will und es ihm auch Spaß machte. Der Grund hierfür war sicher auch, dass er wusste: er muss da nicht drüber. Er darf verweigern, er darf mir zeigen, wenn etwas nicht stimmt.
Ob er nun Angst hat, Schmerzen, oder Unsicher ist – eine Verweigerung bedeutet immer etwas und meiner Meinung nach darf ein Pferd das zeigen.
Verweigert er in einer Prüfung, beruhige ich ihn, lasse ihn den Sprung noch einmal gut anschauen und achte vorallem auch darauf, dass er nicht gleich panisch weiter will sondern einen Moment einfach stehen bleibt. Dann erst reite ich in Ruhe wieder an. Kein Verprügeln (wie man es leider so häufig sieht) mit der Gerte und ich ramme ihm auch nicht mit voller Wucht die Sporen in den Bauch (was genau genommen schlecht geht, weil ich nie Sporen trage…).
Ich würde so weit gehen zu sagen, ein Pferd hat an einer Verweigerung niemals Schuld – das dürfen wir nicht vergessen. Wenn man bedenkt, dass ein Pferd nicht bösartig geboren wird, sollte jemandem klar werden, dass Fehler genauso wenig am Pferd selbst liegen. Es gibt so unglaublich viele Gründe dafür, manche erkennt man vielleicht auch nicht oder erst sehr spät.

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Schätzen wir uns selbst nicht manchmal zu gut und unsere Pferde zu schlecht ein?
Ich selbst mache lange nicht alles perfekt. Auch ich bewahre nicht immer die Ruhe wenn etwas nicht funktioniert oder Dreamer (vorallem zu Hause) mal wieder zum tausendsten Mal in seiner gruseligen Ecke spinnt. Jedoch bemühe ich mich sehr und gerade auf dem Turnier ist es mir wichtig, niemals zu bestrafen – so schwierig es auch ist, wenn man in dem Prüfungsstreß fast die Nerven verliert.

Wie sich meine Pferde entwickeln und ob sie jemals S Springen werden/wollen, sehen wir also noch. Ich habe unglaublich viel Hoffnung, doch wie das Leben am Ende spielt kann man nie wissen. Vorallem wissen wir immerhin nicht, ob ich selbst überhaupt jemals höher als L springen kann – hoffen darf ich es jedoch und meine zwei (bzw. drei) für mich absolut perfekten  mittelmäßigen Pferde geben mir auch jeden Grund zu hoffen!