Die Ausbildung von jungen Pferde erfordert viel Geduld, Können und Zeit.
Doch die Zeit, welcher einer der wichtigsten Aspekte ist, wird heute den wenigsten Pferden gegeben. Betrachtet man den Turniersport ehrlich, ist es gerade für die kleinen alles andere als pferdefreundlich.
Wie läuft es dort ab?
Die Prüfungen für junge Pferde, welche von den Anforderungen ideal für unerfahrene Pferde wären, sind nur bis zu einem gewissen Alter ausgeschrieben. Nimmt man die Springpferdeprüfungen als Beispiel, darf ein 4 Jähriger A und L gehen, ein 5 Jähriger A-M, ein 6 Jähriger L und M.
Zum einen ist es meiner Meinung nach tragisch, dass ein sechsjähriges Pferd keine A Prüfung mehr gehen darf – angenommen, man reitet ein Pferd langsam mit viereinhalb Jahren ein, lässt ihm viel Zeit, arbeitet erst an den Grundlagen der Dressur – und beginnt erst sechsjährig „ordentlich“ mit dem Springen?
Zwar ist der oben beschriebene Fall sehr selten, wäre es mir aber zum Beispiel möglich gewesen, hätte ich es so gemacht.
Andererseits ist es fast schon eine Schande, dass ein sechsjähriges Pferd schon M Springen darf!
Natürlich trifft das nicht auf alle Pferde zu, die einen sind in dem Alter noch lange nicht so weit, während andere es wirklich aushalten können.
Doch diese frühen hohen Ziele lassen viele Pferde an den Anforderungen zerbrechen und fördern das zu schnelle und oberflächliche Ausbilden des Pferdes.Die Züchter müssen natürlich Pferde vorweisen, welche schon jung hohe Springen gewonnen haben – nur so können sie diese auch erfolgreich verkaufen.

Doch die Schuld liegt nicht bei den Züchtern – sondern bei uns allen und wird von den Anforderungen des Turniersportes nur bestärkt. Züchter müssen, um zu überleben, sich unseren Wünschen anpassen – das ist in jedem Business so. Die Zucht ist ein Geschäft für sie, und egal mit wie viel Liebe sie es ausüben – wenn es eng wird, müssen sie sich früher oder später anpassen. Ein Züchter wird heutzutage nicht mehr überleben, wenn er sich genug Zeit nimmt, ein Pferd auswachsen zu lassen. Die Zucht an sich ist schon enorm teuer und macht wohl die Wenigsten reich.
Sie können es sich also gar nicht leisten, jedem Pferd individuell die Zeit zu geben, welche es braucht.
Sind wir doch mal ehrlich… ein achtjähriges Pferd steht zu Verkauf, im Springen und Dressur auf A Niveau, noch keine Turniererfahrung, da es aufgrund des Wachstums erst 6 Jährig ordentlich angeritten wurde. Potenzial allerdings bereits beim Freispringen ausgetestet und springt locker 1,50.
Wie viele von euch würden es kaufen? Immerhin ist es ja „schon so alt“ und „nicht dem Alter entsprechend ausgebildet“ ..
Das Resultat daraus, denn das oben beschriebene Pferd stand tatsächlich zu Verkauf, war, dass die Besitzerin bei einem qualitativ enorm hochwertigen Pferd mit Potenzial bis ganz oben, mit dem Preis auf gerade Mal 6000 € runtergehen musste. Verdient hat sie an dem Verkauf sicher nichts – wobei meiner Meinung nach der gute Wille, einem Pferd die Zeit zu lassen, belohnt werden sollte.

Pferd Reiten Reitsport

Wenn ich mir vorstelle, dass mein Bulgari, welcher in wenigen Monaten schon 5 Jahre alt wird, dann bereits M Springprüfungen gehen dürfte…. wird mir übel.
Häufig kamen Beschwerden darüber, dass der Kleine beim Probereiten besser bemuskelt war und schon viel weiter entwickelt war. Das Problem ist nur, dass viele Warmblüter, denen die Kindheit genommen wurden und welche schon viel zu früh gearbeitet wurden, sich ihre Kindheit zurücknehmen, sobald sie es können.
Das hat auch mein Trainer Matthias Einzinger letztes Wochenende gesagt – man kann eine Phase in der Entwicklung nicht überspringen. Nimmt man einem Pferd die Entwicklung und Zeit, welche es eigentlich braucht, zerstört man die Kindheit des Pferdes.
Ich habe Bulgari dann wieder langsam vom Training raus genommen und die Arbeit vorsichtig reduziert, um ihn nun fast komplett stehen zu lassen. Und siehe da – aus dem so erwachsen aussehendem Pferd, wie wir es gekauft hatten, wurde ein Wallach, der wie ein zweijähriger aussieht. Es war kein Fehler von mir, ihn stehen zu lassen – ich gebe ihm die Zeit, welche er braucht. Je langsamer und später man junge Pferde arbeitet, desto gesünder bleiben sie und leben auch länger.
Er wird sich entwickeln und er wird auch bald wieder wachsen und Muskulatur aufbauen – aber im Moment darf er das sein, was er ist: Ein Kind.