Letztes Jahr im November hatte ich Bulgari und Dreamer eine Woche lang in Kreuth dabei, um dort einige Prüfungen zu reiten. Nachdem wir einen Tag zu früh angereist sind und es erst einmal lange gedauert hat, bis wir Boxen bekommen hatten – da natürlich keine Menschenseele am Stall zu finden war – ging es auch chaotisch weiter.
Am ersten offiziellen Turniertag fand ein Warm Up statt, bei dem man auf dem Prüfungsplatz die Möglichkeit hatte, den Parcours oder einzelne Sprünge zu reiten.
In diesem Training benutzte ich einen neuen Sattelgurt und das war wohl ein Fehler. Dreamer war sehr unsicher und an einem Sprung hat er dann verweigert, der Sattel war zu locker und hing schließlich an der Seite, so dass ich keinen Halt mehr fand und auf meinen Kopf stürzte, woraufhin sogar der Helm gebrochen ist.
Über meine Schmerzen brauche ich wohl nicht viel zu sagen – dennoch bin ich gleich wieder in den Sattel gestiegen und sofort nochmal den Parcours durchgesprungen.

Schon immer war ich beim Springen ein wenig verhalten, zeigte nicht vollen Einsatz und habe mich häufig nicht getraut, wirklich zu reiten und  „loszulassen“, es einfach passieren zu lassen. Wir waren immer eher zu langsam unterwegs und vor manchen Sprüngen war ich selbst zu zögerlich. Um ehrlich zu sein hatte ich manchmal tatsächlich  Angst vor dem Fallen.
Nicht nur wegen mir, sondern größtenteils auch wegen meinem Pferd – das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, ist ein freilaufendes, in Panik geratenes Pferd, welches am Ende noch im Zügel hängen bleibt und Schäden davon trägt.
Eine echte Horrorvorstellung.

Etwas in mir hat mich also immer ein wenig ausgebremst, wenn auch nur ein bisschen.
Ich hatte Angst, dass ich nach einem Sturz meinen Mut verliere und nicht mehr aufsteige – um es anders auszudrücken:
Ich hatte Angst vor der Angst …

Es ist nicht so, dass so etwas noch nie in meinem Leben vor kam. Jeder fällt mal – ob als Kind vom Fahrrad, der Schaukel, oder später vom Pferd. Ich hatte in meinem Leben schon einen schlimmen Sturz beim Skifahren, woraufhin ich eine enorme Panik entwickelt habe. Skifahren ist definitiv nicht mehr möglich und sobald ich doch einmal auf der Piste war, liefen die Tränen vor Angst und ich war wie gelähmt.
Auch beim Motorradfahren bin ich gestürzt – hierbei ist zum Glück absolut nichts Schlimmeres passiert, und doch bin ich seitdem nie mehr gefahren, weil ich Angst hatte. Bei jedem dieser Stürze entstand eine starke Blockade in mir und ich habe diese Aktivitäten daraufhin nie wieder ausgeübt.
Zwar bin ich früher als Kind auch schon öfter vom Pferd gefallen, aber vielleicht haben genau diese neu entwickelten Ängste dazu geführt, dass ich mir zu viele Sorgen mache.
Ich bin ein sehr unsicherer Mensch und hatte wohl immer Angst, dass ich mich nach einem Sturz nicht mehr traue, meinen Sport weiter auszuüben – ein absurder Gedanke, welcher mir erst nach meinem Fall in Kreuth gekommen ist.

Dieser schlimme Sturz hat in mir etwas ausgelöst. Man könnte sagen, dass der Sturz einige psychische Blockaden in mir gelöst hat, so verrückt es auch klingen mag. Für gewöhnlich reitet man nach einem Unfall vorsichtiger, zurückhaltender und es entsteht eben eine leichte Angst oder zumindest Vorsicht.
In meinem Fall war es das genaue Gegenteil – plötzlich hat es einfach funktioniert. Ich habe mich getraut, wirklich zu reiten. In den nächsten Tagen auf dem Turnier lief es durchwachsen, mal gut, mal schlecht. Aber ich bin jedes Mal zum Reiten gekommen, was mir am Ende sogar einen ersten Platz in unserem ersten Zeitspringen verschaffte!
So seltsam es klingen mag – ohne den Sturz zu Beginn, denke ich nicht, dass wir diese letzte Prüfung gewonnen hätten. Die Barriere in mir war einfach nicht mehr da und allein das ermöglichte es mir, so zu reiten, wie ich es in diesem Springen tat. Es gibt Erlebnisse, welche jemanden ein großes Stück weiter bringen können, und dazu gehörte mein Sturz.
Manche Dinge im Leben passieren wohl aus einem guten Grund, auch wenn sie anfangs alles andere als sinnvoll erscheinen. Die Schmerzen waren es definitiv wert, denn nun freue ich mich wirklich auf die Saison und meine Turnierstarts, in denen ich ganz frei alles geben kann!